
Photo: Agencia Brasil, Rose Brasil. The Creative Commons Attributions 2.5 Brazil Licence applies. Picture retrieved from en.wikipedia.org November 15, 2006.
Heute habe ich mit meinen Kommillitoninen Ewa Grzechnik und Melanie Wilneder eine Präsentation über “New Social Movements” gehalten. Wir belegen gemeinsam das Soziologie-Seminar “Soziale Bewegungen und Politische Beteiligung” bei meinem Tutor Prof. Dr. Christian Joppke.
In den 1950er Jahren kämpften soziale Bewegungen zumeist für materielle Anliegen, wie etwa Wohlstandsverteilung, ökonomische Stabilität und Arbeitnehmerrechte. Typischerweise waren die Bewegungen sozio-ökonomisch homogen.
Die Politik und die sozialen Bewegungen haben sich seitdem verändert. Die “neuen” Bewegungen von heute vertreten immaterielle Werte mit Universalitätsanspruch (bei gleichzeitiger Fortexistenz der alten Bewegungen). Beispiele sind Menschen- und Frauenrechtsorganisationen, sowie die pazifistischen Bewegungen und die der Umweltschützer. Zwar sind auch die “New Social Movements” nicht vollständig amorph oder heterogen, sozio-ökonomische Variablen haben aber an Trennschärfe verloren.
Identitätsbewegungen, wie etwa die der Schwulen und Lesben, sind in gewisser Hinsicht die Speerspitze dieser Entwicklung. Identität als Inhalt und Formgeber stellt Bewegungen vor ein Dilemma. Wenn sie etwa sexuelle Identität dekonstruieren (Vergleich Queer-Theory) zerstören sie die Basis der Bewegung. Andersherum birgt eine essentialisierende Politik der Identitätsverstärkung die Gefahr eben die Stereotypen und Ressentiments zu schüren und zu zementieren, die die Bewegung zu überwinden angetreten ist.
Die Arbeit an diesem Thema zusammen mit meinen Kommillitoninnen war sehr spannend. Claus Offe’s theoretisch fundierte Konzeptionalisierung der “New Social Movements” und die Debatte über “Identity Movements” bietet zahlreiche überrasschende Einsichten. Das hilft, die neuen Bewegungen zu verstehen und zu einer kritischeren Würdigung zu gelangen.
Nach der Präsentation entbrach im Unterricht noch eine hitzige Debatte über gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption. Ich war persönlich schockiert von einigen rassistischen Bemerkungen meiner Kommillitonen. Mehr als einmal wurde die Aufassung vertreten, dass Schwule und Lesben in Essenz anders, hinsichtlich mancher Aspekte minderwertig und ganz allgemein sozial nicht wünschenswert seien.
Es wurde erneut deutlich, wie sensibel dieses Thema ist – selbst, oder gerade bei Kollegen aus meiner Generation. Es erscheint mir verdächtg, dass die Gleichstellung Schwuler und Lesben so sehr die Gemüter erhitzt – schließlich sind ja nur diese davon betroffen, den Heterosexuellen entsteht kein materieller Nachteil. Vielleicht sind hier statt dessen Identitätsprobleme auf Seiten der “Heteros” im Spiel.
Eine Frage, deren empirische Untersuchung mich sehr interessieren würde.
Aus urheberrechtlichen Gründen kann ich leider die Präsentation hier nicht zum Download bereit stellen. Bei Interesse schreiben Sie mir gerne eine e-mail.

