“Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang und Anfang von Ewigkeit her gewesen ist.”
Micha (5:1-4a), Luther Bibel 1912

Marienkirche Leeste, Germany / Christmas 2007
Letztes Jahr am Heiligen Abend, teilte Pastor Brusermann mit der Gemeinde in der Weyher Felicianius Kirche die weihnachtliche Hoffnung, dass “diese Welt noch wieder gut werden kann”.
Die Predigt von Pastor Brusermann hat mich beschäftigt, mich erinnert und neu entdecken lassen: die strahlende Schönheit und unbändige Kraft unserer Weihnachtsgeschichte, die wir heute feiern.
“Whenever I get gloomy with the state of the world, I think about the arrival’s gate at Heathrow Airport.”
Fictional UK Prime Minister David of the 2003 romantic comedy Love Actually.
Weihnachten ist natürlich für jeden etwas anderes. Und viele können damit garnichts anfangen.
Und trotzdem: selbst wenn es nur ein bisschen der Liebe und Güte vom Empfangsgebäude am Londoner Flughafen in uns wecken würde. Wenn Weihnachten nur ein bisschen mehr Zugewandtheit denen zuteil ließe, die ihrer nötig bedürfen – wäre es dann nicht die Sache trotz allen Konsumrausches wert?
Ich glaube:/, ja. Aber unser Glaube an diese Weihnachtsgeschichte kann noch ganz andere Berge versetzen, wenn wir sie lassen.
Weihnachten ist nicht nur die politisch-korrekt verbrämte und entleerte Feiertagszeit, nicht nur ein aufwändig dekoriertes Konsumprogramm, und nicht nur der Filmkitsch des “gut Fühlen”, das “Gutes tun” so bequem ersetzt.
Weihnachten, das ist die störrische Überzeugung, dass gegen alle Widerstände, im kältesten Winter und in der kleinsten Krippe, “diese Welt wieder gut werden kann”.
Dieses Weihnachten fällt das schwer zu glauben, wieder einmal. Kopenhagen ist gescheitert: keine Hilfe für die Armen, keine Rettung für den Planeten. Ein Schüler, der nicht geboren wurde, um das zu tun, ersticht seine Lehrerin im irrgeleiteten (Liebes)wahn. Und weder im palästinensischen Bayt Lahm (oder Beit Lehem) noch im von Israel besetzten/besiedelten Efrath hören sie auf ihren berühmten Sohn, der der Friede sein sein wird (Micha (5:1-4a), Luther Bibel 1912).
Und trotzdem: Vielleicht ist diese Heilsbotschaft, die wir erhalten haben und noch heute feiern, auch das schönste Geschenk was wir einander geben können, wenn sie uns die Kraft geben kann zu verändern und den Schwachen zu helfen.
… daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …
Für jeden wird es ein Geschenk, wenn wir es auch als politische Heilsbotschaft verstehen, als Erlösung unseres Zusammenlebens aus seiner Ungenügendheit, nicht nur unsere private Befriedigung am Flughafenterminal und anderswo.
… und legte ihn in eine Krippe …
Unsere Weihnachtsgeschichte ist schon eine politische, ein richtiger Skandal. In der Kleinsten unter den Städten Juda, bekommen zwei kleine Leute - Tischler Joseph und Jungfrau Maria – ein außereheliches Kind, dass einmal der Friedenfürst seines Volkes werden soll.
Das ist unsere politische Geschichte, auch heute noch. Nicht mehr von Tischler und Jungfrau, aber immer noch geht es um die Lebenschancen eines neuen Kindes, das unter widrigen Umständen in diese so unzureichende Welt kommt. Lassen wir sie scheinen, aus diesem Stall, diese gegenwärtige Hoffnung auf Erlösung von Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Unterdrückung.
“Dass dieses schwache Knäbelein / soll unser Trost und Freude sein /
dazu den Satan zwingen / und letztlich Frieden bringen”
Choral: Brich an Du schönes Morgenlicht, Weihnachtsoratorium, BWV 248. Johann Sebastian Bach.
Fürchtet Euch Nicht!
“Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren welcher Christus, der Herr in der Stadt Davids”
Rezitativo: Und der Engel sprach zu Ihnen, Weihnachtsoratorium, BWV 248. Johann Sebastian Bach.
Dieser Herr ist geboren – und was passiert? Ein Engel schickt zuerst Hirten, ihn zu treffen. Und singt ihnen das schönste Lied, dass sie sich nicht fürchten. Es ist ihre Erhöhung von dem Feld, auf dem sie sonst fröhnen und frieren. Und es kann unsere Heilsbotschaft sein, das wir es endlich schaffen keinen zurück zu lassen, und niemanden den Wölfen, vor denen die Hirten sich fürchteten, und die wir uns doch selber sind.
… und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen …
Bei der ganzen Dekoration, dem Essen, den Geschenken und der Liebe: Passen wir auf, dass wir nicht vor lauter Weihnachtsbäumen den Wald nicht mehr sehen.
Machen wir die Weihnachtsgeschichte zu unserer Heilsbotschaft, die manchmal auch politisch ist, aber immer störrisch hoffnungsfroh bleibt und unerschöpflich im Willen zur Veränderung.
Und dann dieser Hoffnung Taten folgen lassen, wider jede realistische Wahrscheinlichkeit, egal wie klein und bescheiden jeder einzelne Beitrag ist, und immer im Geiste der Liebe und Güte, gegen alle Lächerlichkeit.
Denn das wäre das größte Geschenk heute abend, besonders für die, die gar keins bekommen: “das diese Welt noch wieder gut wird”, wie es Pastor Brusermann schon letztes Weihnachten mit uns gehofft hat.



Hallo Max,
frohe Weihnachten. Deine Interpretation der Weihnachtsgeschichte finde ich passend gewählt und wortgewaltig geschrieben – dafür meine anerkennende Bewunderung!
Persönlich und unabhängig von deinem Essay finde ich es nur bedauerlich, dass – trotz aller Richtigkeit deiner Anmerkungen und der Aktualität des Inhalts der Weihnachtsgeschichte als literarisch wertvolles Dokument – letztere nie für sich stehen gelassen wird sondern (leider) immer noch und in jedem Zusammenhang gleich wieder von der Welt des Irrationalen (der Religion) vereinnahmt wird.
Liebe Grüße und gute Rutsch, Jan-Dirk
Dear Jan-Dirk,
thanks for your thoughtful comment and a Happy Christmas to you, your family and your wife, too!
I agree that the Nativity Story is a great and inspiring story, even independent of its religious context. Although … in part, I think I want a little more context for Christmas and its story, but I agree that that context, to be meaningful, and to encourage change, need not be a religious one. That would also be important to save and to spread the meaning of Christmas to other people, who are not Christian.
And speaking of context – historical or religious – I wish I understood something about that. I wonder what a theologian would have to say about this matter …
This post is also on my blog at PolicyNet: http://www.policy-net.org/blogs/thepotentpolity/merrychristmasbethlehemephratathoughthoubelittle
Die Weihnachtsgeschichte ausschließlich in einem politischen Kontext zu betrachten, hat natürlich den Vorteil, dass ihre hoffnungsvolle Botschaft so auch Menschen erreichen kann, die mit religiösen Vorstellungen nichts anfangen können.
Trotzdem finde ich es schwierig, eine Geschichte, die von Wundern und göttlicher Bestimmung handelt und auf die sich immerhin eine ganze Religion gründet, ohne religiösen Kontext zu betrachten. Wenn man die Welt des Irrationalen außen vor lässt, verändert sich doch auch die Botschaft der Geschichte – was ja nicht schlecht sein muss.
Es ist aber auch immer wieder aufschlussreich, die Weihnachtsgeschichte und ihre schlichte und schöne Botschaft eben der Religion, die sich auf sie beruft, gegenüber zu stellen. Ich denke, es ist traurig, wie weit sie sich von diesen Ursprüngen entfernt hat.
Btw: “vor lauter Weihnachtsbäumen den Wald nicht mehr sehen” – Der gefällt mir gut, Max
Hey Lea, Blogpost-Twin
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I agree that it may be problematic to take the Nativity Story out of its religious context, and treat it like any other story. It simply is not. And also: that kind of decontextualization frequently lends itself to ideological abuse of otherwise always ambiguous material.
I think, however, that even when you’re looking at – or rather FOR – the political relevance of the Nativity Story, it’s about believing.
I’m not sure whether we all have to agree on one religion or set of dogmas – I think not. I really want the Nativity Story to be a specific text, with maybe a universal appeal to everyone, who is willing to believe that things can be a lot better here.
And that, surely, is a matter of belief, not of realism.
Thanks for the follow-up – havent seen it that way really, but I agree